Entmachten uns die Maschinen?
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Roboter als Kollegen Entmachten uns die Maschinen?

Die neuen Kollegen sind cool, effizient und super vernetzt. Doch sie wecken Misstrauen. Niemand weiß, ob Roboter uns auf Dauer wirklich dienen oder uns überflüssig machen – und am Ende gar beherrschen.

Diener oder Herrscher? Die Automatisierung der Arbeit und der immer größere Einfluss von Computersystemen macht vielen Menschen Angst. Was kann die Gesellschaft tun?

Quelle: Shutterstock

Hannover. Die ersten Roboter waren ziemlich schlappe, planlose Gestalten. “Robot K-456“ zum Beispiel, der auf Geheiß seines Schöpfers Nam June Paik im Jahr 1982 mühsam durch die Straßen von Manhattan schlurfte, wurde an der Ecke Madison Avenue, 75. Straße prompt von einem Taxi zu Schrott gefahren. Die Fans des Künstlers jubelten: Eindrucksvoll habe Paik, ein erster großer Meister der Aktions- und Videokunst, „die Unvollkommenheit der oft überschätzten modernen Maschinerien“ in Szene gesetzt.

Von Robotern, so sagen es Eltern bis heute ihren Kindern, droht eigentlich keine Gefahr. Man muss ja nur den Stecker ziehen oder auf irgendeine Nottaste drücken. Doch inzwischen stimmt das nicht mehr. Drohnen aller Arten und Größen kontrollieren den Himmel über Krisenregionen – und geben bei Bedarf tödliche Schüsse ab. Neuerdings rücken unbemannte Systeme auch am Boden vor. Im Irak etwa sind Mini-Panzer aufgetaucht, die Sprengstoff nicht nur unschädlich machen, sondern auch dem Feind unterschieben können.

Militärexperten sprechen vom Beginn eines völlig neuen Spiels: Erstmals in der Geschichte der Menschheit werde es möglich, direkt am Boden militärische Macht auszuüben, ohne eigene Soldaten einzusetzen. Die USA und Russland investieren zu diesem Zweck Milliarden. Misstrauisch beäugten westliche Militärs vor diesem Hintergrund den Verkauf des Augsburger Roboterherstellers Kuka an Investoren aus China.

Stecker ziehen geht nicht mehr

Polizeibehörden proben schon den Einsatz von Kampfrobotern im Inland. Die erste Lehrvorführung gab es in Dallas, Texas. Im Juli 2016 ging dort die Polizei sehr ungnädig gegen einen Attentäter vor, der fünf ihrer Kollegen erschossen hatte, sich dann in einem Parkhaus verschanzte und Drohungen aussprach. Ein Roboter rollte auf den Kriminellen zu und tötete ihn. Polizist, Richter, Henker: Die Maschine verkörperte gleich alles in einem.

Stecker ziehen und Nottaste drücken? Das geht heute nicht mehr. Roboter können heute fliegen, durch Wälder stapfen und sogar im Dunkeln sehen. Die Macht im Staat gehört denen, denen diese Roboter gehören und gehorchen.

Moderne Roboter können beobachten, reagieren und lernen – und so immer selbstständiger werden. Sie haben, dank globaler Vernetzung, ihre Augen und Ohren im wahrsten Sinne des Wortes überall. Sie können mehr Daten auswerten als der Mensch; das IBM-Superhirn Watson etwa analysiert in Sekundenbruchteilen 100 Millionen Buchseiten. Hinzu kommt, dass die heutigen Roboter miteinander in Verbindung stehen. Oft folgt ein simpel wirkender Apparat den Befehlen aus den Tiefen gigantischer, weit entfernter Mega-Rechner.

Misstrauen zwischen Maschinen und Menschen

Den Straßenverkehr beispielsweise könnten umfassende digitale Systeme bald lenken wie ein einziges gigantisches Computerspiel. Gelegentlich werden derzeit noch Unfälle mit autonom fahrenden Autos gemeldet. Technikskeptiker reiben sich dann mal einen Tag lang die Hände. Doch sobald erst mal alle Fahrzeuge digital vernetzt sind, können auch alle rechtzeitig bremsen und Kollisionen vermeiden – egal ob der Mensch, der gerade im Auto sitzt, am Handy spielt oder nicht.

Ob Lastwagen oder Lokomotive, Taxi oder Gabelstapler: Kein Fahrzeug wird sich in Zukunft noch durch diese Welt bewegen ohne laufende digitale Kontrolle. Rasen oder Drängeln sind dann unmöglich gewordene Unanständigkeiten einer längst vergangenen Epoche. Viele Menschen misstrauen den Maschinen. Doch gewachsen ist auch, so abgedreht es klingt, das Misstrauen moderner Maschinen gegenüber den Menschen.

In die Programme selbstfahrender Autos etwa fließen Protokolle ein über unzählige zurückliegende Katastrophen, große und kleine. Quintessenz: Technisches Versagen ist extrem selten geworden. Menschen dagegen sind oft fahrlässig, sie können auch lebensmüde sein – oder gar Massenmorde planen. Jene etwa, die Passagierflugzeuge ins World Trade Center steuerten und mit Lastwagen Fußgänger in Nizza und in Berlin töteten, hinterließen nicht nur Trauer und Wut, sondern auch kräftige Impulse für nicht unterbrechbare Autopilotsysteme.

Die Angst vor Überflüssigkeit

Eine neue Ära bricht an, in der die Maschinen sich gegebenenfalls über Menschen hinwegsetzen – zu deren eigenem Schutz. Kritiker wittern eine unwürdige Degradierung des Menschen. Doch die Hinterbliebenen der 150 Toten des Germanwings-Flugs 9525 hätten nichts dagegen gehabt, wenn die Computer sich dem Piloten widersetzt hätten.

Gefahren für die Würde des Menschen lauern eher an anderer Stelle. Was wird aus jenen, die als Hilfsarbeiter, als Lastwagen-, Taxi- oder Gabelstaplerfahrer ihren Job verlieren? Steckt nicht hinter der Angst vor Ausländern in Wahrheit die Angst, Opfer von Automatisierung zu werden? Und ist dies nicht sogar das tiefer liegende Problem jener Frustrierten, die in Detroit für Trump und in Birmingham für den Brexit gestimmt haben?

Es geht um ein Gefühl drohender Überflüssigkeit. Populisten nutzen es geschickt aus und sagen: Komm her, ich biete dir Schutz, wir ziehen hohe Mauern um uns herum, dann wird alles wieder gut. In Wahrheit aber kann Arbeitslosigkeit durch Innovation im eigenen Land auch dann entstehen, wenn man ringsum die Schotten dicht macht. Den legendären Heizer auf der E-Lok etwa kann man noch eine Weile mitfahren lassen, wie es die britischen Gewerkschaften in den Fünfzigerjahren erzwungen haben. Irgendwann aber ist es Zeit, sich neuen Fakten zu stellen.

Eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Eine zukunftsgewandte Politik muss mehr denn je das lebenslange Lernen fördern. Und sie muss auf die Festigkeit ihrer demokratischen Institutionen achten. Wenn Diktatoren triumphieren, werden Roboter die willigen Helfer einer Entwicklung sein, an deren Ende sich alle Macht und aller Reichtum bei sehr wenigen versammelt.

Gesellschaften aber, in denen alle einigermaßen mitziehen und zusammenhalten und in denen die Herrschaft ans Recht gebunden bleibt, können aus dem bevorstehenden Wandel etwas Gutes, vielleicht sogar Wunderbares machen. In diesen Gesellschaften können Roboter zu einem Wohlstand für alle beitragen, leise summend, rund um die Uhr – und stets nur als Diener.

Von Matthias Koch

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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