Einmal Elend und zurück
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Obdachlos in Berlin Einmal Elend und zurück

Udo Bolte war vom Erfolg verwöhnt. Dann stürzte er beim Staubsaugen. Er fiel bis ganz nach unten – und verbrachte zwei Sommer und einen Winter auf der Straße. Aber gab sich nie auf. Und wurde gerettet.

Von ganz oben auf die Straße und zurück: Udo Boltes neues Leben in Zimmer 303 des Hostels “Fabrik“ in Berlin-Kreuzberg.

Quelle: Jana Einecke

Berlin. Das Fenster muss offen bleiben. Sperrangelweit, die ganze Nacht. Sonst findet Udo Bolte keine Ruhe. Die Monate auf der Straße wirken nach. Sie sind vorbei, Zimmer 303 ist jetzt sein Zuhause. Ein Bett, ein Tisch, ein metallener Spind, ein gerahmtes Filmplakat vom “Blauen Engel“ mit Marlene Dietrich. Blick auf einen Kreuzberger Hinterhof. So wohnt Udo in einem Berliner Hostel.

Vor ein paar Wochen sah sein Schlafplatz noch so aus: Ein Zelt, geschützt in einer Betonnische des Spreebogens. Morgens Raureif auf den Betonfliesen, dahinter der Fluss, im Winterdunst der Hauptbahnhof. Menschen, die zur Arbeit eilen, in Kanzleramt und Ministerien, Bundestag und Korrespondentenbüros. Udo fror den ganzen Winter nicht, jedenfalls nicht nachts. Er hatte im Zelt geheizt. Drei rote Grablichter angezündet, mit Steinen auf den Lichtern. Alter Pfadfindertrick. Hält warm, aber geht ins Geld. 1,80 Euro Heizkosten pro Nacht. Alle drei Tage duschen bei “rail & fresh“ im Hauptbahnhof, das waren jedes Mal sieben Euro. So viel musste erst einmal reinkommen.

Morgens setzte sich Udo mit dem Hut an die kleine Brücke. Trotzte dem Ostwind, der Kälte und der Feuchtigkeit, die ihm jetzt Rheuma in den Fingern beschert hat. Ein ungeschützter Winter geht nicht spurlos vorüber an einem, der 58 Jahre alt ist. 8.55 Uhr, der Eurocity aus Hamburg brachte in Sitzungswochen am Montag die Pendler aus dem Norden. Abgeordnete, Ministerialbeamte. Den galt es nicht zu verpassen. Udo war immer pünktlich bei der Arbeit. Immer gewesen.

Er wartete darauf, dass man ihn ansprach

Auch vorher, da wohnte er über den Dächern von München, ein Loft mit Aussicht. Er war Geschäftsführer einer Eventmanagement-Firma, 8,5 Prozent des Unternehmens gehörten ihm. Er kannte Berlin gut, im Hyatt am Potsdamer Platz hatte er wochenlang übernachtet, als sie damals mit der Eröffnung des Sony Centers beschäftigt waren. Auch im Café Einstein Unter den Linden kannte man ihn – so gut, dass er dort immer noch die Toiletten benutzen durfte, auch als er schon auf der Straße lebte. Udo ist ein Netzwerker, egal, auf welcher Ebene.

Auch als Bettler hatte Udo noch seinen Stolz. Er schaute den Leuten ins Gesicht, nicht leidend zu Boden. Er wartete darauf, dass man ihn ansprach. Und dann war nach einem Satz klar, dass hier keiner saß, der am Boden war. Udo redete mit jedem auf Augenhöhe, auch wenn er sitzen blieb auf seiner Arbeitsunterlage, die ihn vor dem Berliner Winter schützen sollte – Tasche und Isomatte, Stiefel, Thermounterwäsche und die Russenmütze mit dem Bundesadler in der Mitte. “Ich bin der Brückenkanzler“, sagte er, und das hob ihn wieder ein bisschen höher. Irgendwo dorthin, wo er Jahrzehnte gewesen war.

So lebte Udo Bolte als “Brückenkanzler“ im Winter 2016/17. Morgens setzte er sich an die kleine Brücke, die vom Berliner Hauptbahnhof rüber ins Regierungsviertel führt. Gegen die Kälte hat er sich ausstaffiert, an seiner Mütze prangt der Bundesadler.

Quelle: jps

Ein halbes Jahr lang saß er dort. Und lernte Leute kennen, schließlich mussten sie alle über die kleine Brücke, an der er saß. Beamte, Sicherheitskräfte, Abgeordnete. Jan van Aken von der Linkspartei und Cansel Kiziltepe von der SPD wurden so etwas wie Freunde. Van Aken schenkte ihm einen Pullover, als der Winter am kältesten war. Kiziltepe kam sofort, als das Grünflächenamt Berlin-Mitte die Zelte am Spreebogen räumen wollte. Sie stehen dort bis heute.

Udo glaubt nicht, dass es Zufall war, dass sich die Roten für ihn und seine Geschichte interessierten und die anderen nicht. Seine Geschichte erzählt er auf Nachfrage, und sie ist noch längst nicht zu Ende. Sie handelt davon, wie schnell jemand in diesem Land fallen kann. Dass ein soziales Netz selbst den nicht auffängt, der von ganz oben herunterkracht. “Ich habe gleich wieder so einen Hass auf dieses Hartz-IV-System bekommen“, sagt Jan van Aken, der Linke. “Es kann doch nicht wahr sein, dass das Amt bei so einer Geschichte keinen Kompromiss findet. Aber so ist es eben.“

So ist es eben, sagte sich auch Udo. Seine Geschichte handelt zugleich auch davon, dass unten nicht Endstation sein muss. “Es ist ein modernes Märchen“, hatte Udo gesagt, als er sein Zelt verlassen und ins Hostel ziehen konnte. Und als er dort wieder einen Job bekam. Manager, wie früher. Nicht mehr einer ganzen Firma, aber immerhin Manager des kleinen Restaurants an der Schlesischen Straße, das Teil des Hostels ist. “Ich habe immer gehofft, dass die gute Fee kommt“, sagt er. Es kam keine Fee, stattdessen kamen Maike und Ante. Maike, die ihn im Fernsehen sah. Und Ante, der ihm eine Chance gab.

Blick nach vorn: Udo Bolte ist

Quelle: Jana Einecke

Aber das ist schon das Ende, vorläufig. Beginnen wir am Anfang. Es war einmal ein Mann, der nur für seine Arbeit lebte, 16 Stunden pro Tag und auch am Wochenende. Er war erfolgreich und einigermaßen wohlhabend, knapp 100 000 Euro auf der hohen Kante und eine gut verzinste Lebensversicherung. Er hatte eine Freundin, eine Ex-Frau und eine Tochter aus erster Ehe. Er hatte eine schöne Wohnung mit Säulen im Wohnzimmer.

Es war Sonnabend, Udo staubsaugte. Das Kabel des Staubsaugers legte sich um die Säule und seine Beine. Udo bemerkte es nicht, saugte noch einmal um die Säule herum. Ein Knall, der Sturz, mit dem Rücken auf den Couchtisch. Er kann nicht aufstehen. Robbt zum Telefon. Ruft seine Freundin an. “Ruf sofort den Krankenwagen!“, sagt sie nur, panisch. Udo wählt die 112. Robbt zur Tür. Öffnet sie mit dem Griff des Regenschirms und lässt sich auf die Trage heben.

Eine mehrjährige Leidenszeit beginnt. Mehrere Operationen, dann tritt Rückenmarkswasser aus, die Kopfschmerzen sind nur noch mit Morphium zu ertragen. Udo muss neu laufen lernen, schwankend, unter vielen Rückschlägen. Immer unter Morphium. Eineinhalb Jahre ist er abgeschottet von der Welt in Krankenhaus und Reha. Nach einem Jahr kommt die Kündigung. Er führt Prozesse, will seinen Anteil am Unternehmen ausbezahlt haben. einweisen. Morphium-Entzug und Psychotherapie. Wieder harte Monate. Aber mit Erfolg. “Heute bin ich komplett schmerzmittelfrei“, sagt Udo stolz. “Und auch der Alkohol hat mich auf der Straße nicht gekriegt. Ich hatte zwar eine Weinflasche im Zelt stehen, um besser einschlafen zu können. Aber ich war nie schon morgens besoffen wie so viele Obdachlose.“

Nach dem Aufenthalt in Schleswig hätte der erfolgreich therapierte Udo Bolte nie gedacht, dass der wahre Absturz erst noch bevorsteht. Es hätte für ihn weitergehen können, aber er lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Und zieht noch einmal gegen seine früheren Vorstände vor Gericht. Privatklage um seinen Anteil. Abgewiesen. Die Kosten trägt der Kläger, Udo also. 80 000 Euro. Sein Erspartes. Nur die Lebensversicherung ist noch übrig.

Udo geht zum Amt und meldet sich arbeitslos. Und rutscht direkt in Hartz IV. Denn das Arbeitslosengeld I wurde mit dem Krankengeld verrechnet. Und auch Hartz IV gibt es nicht – denn da liegt ja noch, gut verzinst und beitragsfrei, die Lebensversicherung. Die müsse er verkaufen und den Erlös verbrauchen, sagt die Sachbearbeiterin im Jobcenter. Erst danach gebe es Geld vom Staat. “Da bekomme ich so einen Hass, wenn ich das höre“, erregt sich Jan van Aken, der Linkspartei-Abgeordnete. “Da muss das Amt doch irgendeinen Kompromiss anbieten. Das geht doch nicht. Aber natürlich geht es doch.“

Udo auf dem Weg zur Arbeit als “Brückenkanzler“. Im Zelt war es am Morgen 14 Grad warm, selbst im tiefsten Winter. Drei Grablichter, mit Steinen beschwert, halten warm. Alter Pfadfindertrick.

Quelle: jps

In diesem Moment trifft Udo seine Entscheidung: Dann eben nicht. Drei Jahre sind es noch, bis die Versicherung fällig wird. Drei Jahre ohne Geld vom Staat. Zum Arbeiten fühlt er sich nach der langen Therapie noch nicht wieder in der Lage. Also drei Jahre ohne alles. Die Wohnung wird er kündigen müssen. Bei Freunden bleiben und dann, wenn jede Gastfreundschaft aufgebraucht ist, auf die Straße. “Jetzt schaffe ich das noch auf der Straße. Mit 70 nicht mehr.“ Und sein Traum würde nicht zerstört werden, der Traum von einer kleinen Wohnung in Mecklenburg, mit genug Geld zum Leben und genug Zeit zum Malen. Das würde danach kommen. Nach der Straße.

Udo kündigt seine Wohnung und lässt sich durchs soziale Netz gleiten. Wohnt bei Freunden bis er ihnen nicht mehr zur Last fallen will. Zieht dann aus München weg, möglichst weit. Kommt nach Hamburg, schläft an den Landungsbrücken. Lernt die Crew des Helgoland-Katamarans kennen. Wieder einmal schafft sich Udo sein Netzwerk. Abends bringen ihm die Matrosen immer die Reste vom Bordimbiss. Im Winter wechseln einige von der Crew auf die “Marylou“, die als Restaurantschiff in Bergedorf liegt. Udo verbringt dort seinen ersten Winter.

Und seinen ersten Sommer als Obdachloser auf Sylt. Er schläft in den Dünen oder in einem alten Wohnwagen. Er verdient Geld am Rande des Badebetriebs. “Auf Sylt hatte ich jeden Tag 20 bis 25 Euro durch Flaschensammeln. War völlig okay.“ Im Herbst fährt er zurück nach Hamburg, doch seinen alten Schlafplatz an den Landungsbrücken gibt es nicht mehr, dort ist eine Baustelle. Es zieht ihn nach Berlin, er findet eine Nische am Spreeufer, unweit des Kanzleramts. Udo wird der Brückenkanzler. Die Rolle hilft ihm, die Würde zu bewahren. Er schart andere um sich, die auch noch die Kraft haben, auf Sauberkeit zu achten. „Bei uns am Ufer konnte man vom Boden essen“, sagt Udo. “Ich habe mein Niveau gehalten, auf niedrigem Level.“

“Irgendwann kommt die gute Fee“

Das klingt einfacher, als es wirklich ist, unten an der Spree. Sauber sah es dort immer aus, aber wer jetzt an Lumpenromantik denkt, ist auch in diesem modernen Märchen auf dem falschen Dampfer. Die Touristen auf den Ausflugsschiffen winkten immer herüber, wenn sie die Zelte passierten. Udo und seine Nachbarn winkten zurück, wenn ihnen danach war. Was niemand sah, der vorbeikam: wie hart die Welt ist, wenn man gezwungen ist, Platte zu machen. Wie schwierig das Leben ist, wenn man sich seine Mitbewohner nicht aussuchen kann.

Einige unten am Spreeufer tranken den ganzen Tag, andere waren überzeugt, “schlechte Signale“ in ihren Kopf gesendet zu bekommen. Vom Verfassungsschutz, von allen anderen, auch von Udo. Andere sagten gar nichts, saßen nur depressiv da und schauten auf die Wellen. Udo wird so etwas wie der Chef unten an der Spree. Der die Kontakte nach außen hält, wenn es Stress mit den Behörden gibt. Der beneidet wird, weil er immer wieder sagt: “Irgendwann kommt die gute Fee. Oder meine Lebensversicherung ist fällig. Dann bin ich hier weg.“



Es gibt geschickte Diebe unten am Wasser, die leise das Zelt öffnen können, am schlafenden Udo und seiner Weinflasche vorbeigreifen und alles mitgehen lassen. Auch bei den Ärmsten ist noch was zu holen. Und auch da gibt es Verteilungskämpfe um den besten Wohnraum. Eines Nachts stand eine rumänische Familie da, mit Eisenstangen und drohenden Mienen, da schlief Udo noch unter der Brücke direkt beim Bahnhof. Er zog dann lieber um.

Ganz hinten in der Beton-Nische am Spreeufer stand Udo Boltes Zelt.

Quelle: dpa

Doch dann ist da Maike. Maike Kaschke, eine Künstlerin, die ihn von früher kannte, aber aus den Augen verloren hatte. Eines Abends macht sie gerade ihre Yogaübungen, im Hintergrund läuft “Kulturzeit“ auf 3sat, da sieht sie ihn wieder. In einem Beitrag über Obdachlose in Berlin. “Ich war erschrocken und berührt zugleich“, sagt sie. “Ich hatte gedacht, er wäre verstorben. Und nun saß er da. Ich habe seine Stärke gesehen, dass er sich nicht brechen lässt.“ Maike macht zwei Anrufe, einen davon bei Ante Zelck, einem gemeinsamen Bekannten von früher, aus der gemeinsamen Heimat Celle.

Ante hat Soziapädagogik studiert, war Streetworker in Celle.

wurde Teil der Hausbesetzerszene und schließlich Hostelbetreiber. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mit Ante Zelck der Hostel-Boom in Berlin anfing. Zusätzlich zu den von ihm gegründeten Hostels hat er vor zwei Jahren die “Fabrik“ an der Schlesischen Straße übernommen. Noch läuft nicht alles so, wie er es sich wünscht. Ein erfahrener Mann wäre nicht schlecht. Und so finden die beiden zusammen: der Hausbesetzer, der zum Unternehmer wurde, und der Unternehmer, der obdachlos ist.

“Ich gucke vielleicht anders auf Leute als andere Chefs“, sagt Ante. “Udos Geschichte ist für mich nicht nur ein einschränkender Faktor. Ich sehe gern den ganzen Menschen.“ Er würde Udo eine Chance geben, ein Zimmer und einen Job, entscheidet Ante nach dem ersten Kennenlernen. Die Straße hat Udo nicht gebrochen, das sieht auch Ante sofort.

Ante Zelck, früher Sozialarbeiter, jetzt Unternehmer, hat Udo von der Straße geholt und eingestellt. Wenn ein Straßenzeitungsverkäufer kommt, gibt Udo ihm immer etwas.

Quelle: Jana Einecke

Und so sitzen die beiden nun in einem winzigen Büro in der Kreuzberger “Fabrik“. Zwei Alphatiere, Sternzeichen Steinbock, wälzen Warenlisten und Schichtzettel. “Das Besteck muss nicht in Servietten eingerollt werden, das erwartet hier keiner“, sagt Udo knapp. “Das spart pro Schicht eine Dreiviertelstunde.“ Ante nickt. Das ist Udos Verantwortungsbereich. “Ich brauchte überhaupt keine Zeit zum Umgewöhnen“, sagt Udo. “Nach drei, vier Tagen fing ich schon an zu brennen.“ Und Ante, immer noch ungläubig: “Das hätte ich nicht gedacht.“

Udos Bart ist ab, er ist jetzt nicht mehr der Brückenkanzler, sondern der Mann, der einen neuen Anfang wagt. “Ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt, er sieht zwanzig Jahre jünger aus“, sagt Jan van Aken, der ihn auch schon in der “Fabrik“ besucht hat. Im Dezember wird Udo 59. Dann ist es noch ein Jahr, bis die Lebensversicherung fällig ist. Dann kann er nach Mecklenburg gehen und malen. Aber malen kann man auch in Berlin.

Interview mit Dieter Puhl: “Einige merken nicht, wie sie innerlich verfaulen“

Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo, betreut seit 25 Jahren Obdachlose. Er wurde im Februar 2017 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Quelle: Tagesspiegel

Herr Puhl, woher kommen Ihre Gäste in der Bahnhofsmission?

Die Obdachlosen, die zu uns kommen, hat es aus dem ganzen Bundesgebiet und halb Europa nach Berlin verschlagen. Die Hauptstadt hat einen guten Ruf bei Obdachlosen, weil es hier eine recht brauchbare, vielfältige Struktur der Hilfen gibt. Die ist allerdings mit der Anzahl der Menschen, die sie in Anspruch nehmen, nicht mitgewachsen. Wir haben Suppenküchen, Schlafplätze, medizinische Hilfen für vielleicht 1000 bis 1500 Obdachlose. In Berlin gibt es aber zwischen 6000 und 8000 Menschen ohne festen Wohnsitz.

Viele von ihnen kommen aus Osteuropa. Was ist der Reiz, den Berlin auf sie ausübt?

Es spricht sich herum, dass es Hilfe gibt. Dass sie hier in Würde sterben können.

Das klingt drastisch. Wie meinen Sie das?

70 Prozent unserer Gäste sind schwer alkoholabhängig. 60 bis 70 Prozent sind schwer psychisch erkrankt. Oft kommt also beides zusammen. Einige brauchen also drei Flaschen Wodka am Tag, um ihre Psychose oder ihre Depression ertragen zu können. Einige stehen so weit außerhalb ihres Körpers, dass sie nicht merken, wie sie innerlich verfaulen. Und das ist nicht übertrieben. Gerade bei unseren osteuropäischen Gästen ist die sehr schwere Alkoholerkrankung sehr ausgeprägt. In Warschau können in einem Winter 50 bis 70 Menschen erfrieren. In Berlin haben wir keine klassischen Kältetoten mehr. Natürlich kommen sie her.

Vor der Bahnhofsmission steht ein Baum mit farbigen Bändchen. Was hat es damit auf sich?

Das ist unser Abschiedsbaum. Hier bringen wir Bändchen an für die Gäste, die uns verlassen haben. Das in den bayerischen Farben ist für Klaus, der kam aus Franken, er wurde 38. Das rot-weiße ist für Jannek aus Polen. Der ist verfault, direkt vor unserer Tür. Er hat sich vor unseren Augen aufgelöst. Das meinte ich eben. Jetzt haben wir hier neben der Bahnhofsmission mit Unterstützung der Deutschen Bahn ein Hygienezentrum, da können unsere Gäste auf die Toilette gehen, duschen, Wäsche waschen, zum Friseur gehen. Wir haben Freiwillige, die Fußpflege machen. Da möchten Sie nicht zugucken. Ich auch nicht. Aber es ist nötig, dass es jemand macht.

Wie schnell geht es, bis jemand obdachlos wird?

Nicht sehr schnell. Die meisten sind Jahre vorher sozial auffällig geworden und werden betreut. Sie werden als Messies wahrgenommen oder als jemand, der Stimmen hört, nachts laut hinter seiner Tür murmelt. Oder sie verfallen dem Alkohol. Zunächst gibt es noch Netzwerke, Familie, Freunde, Kollegen. Die meisten können aufgefangen werden. Einige landen auf der Straße.

Wer schafft es, von der Straße runterzukommen?

Sie können allen Menschen helfen, es ist nur die Frage, wie viel Zeit Sie dafür haben. Manchmal dauert es sehr lange. Margarete konnten wir in einer Seniorenresidenz in Spandau unterbringen. Es hat lange gedauert, ist aber auf jeden Fall besser als Sterben im Tiergarten. Klaus bin ich Jahre hinterhergelaufen. Er hat jede Hilfe abgelehnt. Ich habe einmal erlebt, dass bei ihm ein Alkoholpegel von 7,2 Promille gemessen wurde. Irgendwann hat er sich uns geöffnet. Er hat seinen Rücken gezeigt, ein einziges Narbenmeer. Sein Vater muss ein Sadist gewesen sein. Heute lebt Klaus in einer therapeutischen Einrichtung in Brandenburg und ist trocken.

Berlin geht es wirtschaftlich wieder gut. Was davon kommt bei den Obdachlosen an?

Die Bahn hat uns hier die frühere Bundespolizeiwache angeboten, direkt neben der Bahnhofsmission. Mein Traum wäre, dort ein Zentrum zu schaffen, wo Fachärzte, Psychiater, Einzelfallhelfer präsent wären. Dafür bräuchten wir 400 000 Euro pro Jahr. Jetzt werden gerade die “hoffnungslosen Fälle“ immer nur weitergeschickt und gehen auf dem Weg verloren. Denen könnten wir an einem Ort wirklich helfen.

Von Jan Sternberg

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