Welten ohne Arbeit
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Blick in die Science-Fiction-Zukunft Welten ohne Arbeit

Sich bücken, sich quälen, um Geld zu verdienen? Das erschien der Science-Fiction-Szene schon immer allzu irdisch – und irgendwie gestrig.

Gutmensch und Philosoph in Uniform: Schauspieler Patrick Stewart alias Captain Jean-Luc Picard kommt aus dem 24. Jahrhundert, in dem (fast) alle Katastrophen überwunden sind.

Quelle: Hulton Archive

Hannover. In der Zukunft, das weiß Jean-Luc Picard aus eigener Anschauung ganz genau, spielt Arbeit keine Rolle mehr. Jedenfalls nicht, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Kommandant des Raumschiffs “USS Enterprise“ erklärt 1996 im Film “Star Trek VIII – Der erste Kontakt“ seinen Vorgängern nach einer Zeitreise in die Vergangenheit: “Die Wirtschaft der Zukunft funktioniert ein bisschen anders. Sehen Sie, im 24. Jahrhundert gibt es kein Geld. Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern – und den Rest der Menschheit.“

Science-Fiction! Natürlich! Doch in Zeiten wie unserer, in der technologischer Fortschritt rasant voranschreitet, lohnt ein Blick auf die Werke, in denen sich Autoren und Filmemacher künstlerisch mit der Zukunft beschäftigen. Wie wird Arbeit in Science-Fiction beschrieben. Wer arbeitet noch? Und wer hat es nicht mehr nötig? Welche Arbeit gibt es überhaupt noch? Was ist automatisiert? Welche politischen und sozialen Folgen hat das für die Gesellschaften der Zukunft? Und – die wichtigste Frage für uns heute: Wird es so kommen?

Arm unten, reich oben – oder glückliche Wissensgesellschaft?

In Captain Picards Welt des 24. Jahrhunderts scheint sich das Leben für alle Menschen gleichermaßen zu lohnen – zumindest auf der Erde. Alles Friede, Freude, Eierkuchen, nur zwischen den Galaxien sind noch finstere Gesellen unterwegs, oder gefühllose Hightech-Kombinate wie die Borg, die alle Spezies assimilieren wollen. Mit diesem Weltbild stehen die Drehbuchautoren von “Stak Trek VIII“ in ihrem Genre allerdings ziemlich allein da. Üblicherweise ist die Zukunft für die meisten Menschen ziemlich finster – zumindest wenn man den Fantasien der anderen Science-Fiction-Autoren folgt.

Im US-Film “Elysium“ aus dem Jahr 2013 von Neill Blomkamp gibt es ein radikales Zwei-Klassen-System. Die Armen leben auf der Erde und müssen schuften. Über ihnen schweben die Privilegierten auf der Edel-Raumstation “Elysium“ quasi im siebten Himmel. Arm unten, reich oben – mehr Metapher geht nicht. Ähnlich funktioniert die Gesellschaft in der Romantrilogie “Tribute von Panem“ von Suzanne Collins. Es gibt in dem Staat Panem das Kapitol, den Garten Eden für die (Erfolg-)Reichen und Schönen, und 13 Distrikte, in denen alle anderen Menschen arbeiten müssen. Immerhin hat diese Gesellschaft 14 Klassen. Distrikt-1-Bewohner sind schon ganz dicht dran am Kapitol.

Oben Müßiggang, unten Arbeit: In „Elysium“ dürfen es sich die Reichen und Schönen auf einer entrückten Raumstation gut gehen lassen, während der Rest der Welt schuftet.

Quelle: Verleih

Solche Science-Fiction fußt auf George Orwells Klassikerroman “1984“ von 1949, in der er einen totalitären Überwachungsstaat in all seinen Facetten beschreibt. In dem Einparteienregime werden die Menschen gleichermaßen mental und physisch ausgebeutet. Ein zweites Standardwerk ist “Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932. Es skizziert eine Gesellschaft von Kasten, in der die Menschen indoktriniert und mit Sex, Drogen und Konsum ruhiggestellt werden, um kritisches Denken zu unterbinden. Alpha-Plus-Menschen werden wie Idole verehrt, wer zur Kaste der Epsilon-Minus gehört, übt nur einfachste Tätigkeiten aus.

Diese Beispiele zeigen: Zumindest in der Fantasie sieht die Zukunft für uns düster aus: Alles ist Klassenkampf. Die Arbeit geht zwar nicht aus, aber sie ist in erster Linie dazu da, der Oberschicht ein süßes Leben zu sichern. Und die nutzt Hightech, damit sich daran auch nichts ändert. Kurzum: Nicht die Technik versklavt den Menschen, sondern diejenigen, die sie zu ihren Gunsten missbrauchen.

Wer nicht dazulernt, wird aussortiert

Alles nur Science-Fiction? Ein paar Analogien zur Realität lassen sich zumindest ziehen – und daran angeknüpft eine Reihe von kniffligen Aufgaben, die Politik und Gesellschaft lösen müssen. Die Technisierung und Digitalisierung unserer Arbeitswelt lässt alte Berufsbilder verschwinden. In der Industrie wird alles automatisiert, was höhere Effizienz verspricht als der Faktor Mensch. Inzwischen gilt das aber auch für Dienstleistungen wie das Finanzwesen oder den Einzelhandel.

Überall dort, wo der Mensch sich als weniger leistungsfähig erweist als die Technik, wo seine Individualität und Kreativität nicht ausreichend wertschöpfend wirkt, wird seine Arbeitskraft ersetzt werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer nicht dazulernt, sich nicht weiterbildet, kurzum: seine Arbeitskraft nicht wertvoll macht, läuft Gefahr, aussortiert zu werden. Er bleibt auf der Erde und darf nicht ins “Elysium“ oder versauert im Distrikt 13, während im Kapitol von Panem die Partys gefeiert werden.

Totale Überwachung, Unterdrückung und Kontrolle:

Quelle: akg-images

Tatsächlich sind die Tendenzen längst auszumachen. Die Wohlstandsschere innerhalb der Industrieländer, aber auch zu unterentwickelten Ländern klafft immer weiter auseinander. Der technologische Umbruch im globalen Wettbewerb geht so rasant vonstatten, dass viele Menschen, Unternehmen, ja, ganze Branchen Schwierigkeiten haben, sich rechtzeitig darauf einzustellen.

Das sind keine neuen Erkenntnisse, aber noch fehlt es am unbedingten Willen in Politik und Gesellschaft, Ausbildung und lebenslanges Lernen als zentrale Aufgaben zu definieren. Dadurch entstehen Jobs, von denen wir noch nichts ahnen. Wenn der Mensch nicht lernt, Fertigkeiten zu erlernen, die Technik nie übernehmen kann, wird er die Fähigkeit zur Wertschöpfung und letztlich seinen Wert verlieren.

Die Technik kann das unterstützen, indem sie uns stupide Arbeit abnimmt und den Fortschritt befördert. Vielleicht sogar bis zum Energie-Materie-Wandler in “Star Trek“. Dem befiehlt Jean-Luc Picard unvergleichlich lakonisch: “Earl Grey, heiß,“ Science-Fiction! Noch!

Von Rüdiger Ditz

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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