Sägst du noch oder fräst du schon?
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CNC-Fräsen für Hobbybastler Sägst du noch oder fräst du schon?

Die Digitalisierung erreicht den Hobbykeller. Wer sich einmal durch Eiche gefräst hat, möchte nie mehr eine Säge per Hand durch Holz führen. Moderne Fräsen erlauben Werkstücke in Industriequalität an der heimischen Werkbank.

Präzision für Hobbyhandwerker: Moderne Fräsen sind nicht nur erschwinglich, sondern könnten eine neue neue Produktionsrevolution begründen.

Quelle: imago stock&people

Berlin. Ich stehe in einem Haufen feiner Späne, höre meine eigene Stimme nicht und schaue auf das Blut, das meinen Zeigefinger hinabrinnt. Und ich habe das erste Mal Respekt vor der Maschine vor mir: 6000 Umdrehungen, wendig in drei Achsen, mit der Kraft und der Präzision, in Minuten aus einem Block Eichenholz einen Adlerkopf zu machen. Das. Ist. Zu. Stark. Wie kommt dieses gefährliche Gadget auf den Boden meines Büros?

Vor zehn Jahren hatte der Erfinder Edward Ford die Idee, dass CNC-Fräsen, diese sperrigen Maschinen aus der Industrie, die dank moderner Steuerungstechnik höchst präzise arbeiten, doch für den Heimgebrauch zu machen sind. Plötzlich war da ein Versprechen: Jeder kann feine Arbeiten machen, die vorher Profis vorbehalten waren. Holzpuzzles mit exakt geschwungenen Linien, Acrylbuchstaben mit Streifen, Kästchen mit Zapfenverbindungen. Ford machte die Pläne offen zugänglich. Man konnte sich jetzt für 300 Dollar selbst eine CNC-Fräse bauen, es brauchte nur etwas Basteltalent. Ford begann Bausätze der Fräse zu verkaufen, der er den etwas seltsamen Namen Shapeoko gab. Fünf Jahre später sah ich ein Video der Fräse. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich bestellte sie sofort.

„Befriedigender als ein Pixelgebilde“

Und ich bin nicht allein. Fords Idee gab der entstehenden Maker-Bewegung Auftrieb. Diese will die Produktion zurück in die Hände aller geben. Auf Youtube gibt es Hunderttausende Heimwerker-Tutorials. Und es gibt Plattformen wie Thingverse, auf denen Dinge getauscht werden wie andernorts Kochrezepte. Objekte, die jemand entwickelt hat und die man sich mit einem Klick kostenlos herunterladen kann, um sie auf dem 3-D-Drucker, dem Plotter oder der Heimfräse auszudrucken.

Die CNC-Fräse stand lange im Schatten der 3-D-Drucker, doch schickt sie sich gerade an, das Paradeprodukt des Do-it-yourself-Comebacks zu werden. Weil sie einlöst, was die neuen Heimwerker begehren: “Etwas, das zwar virtuell entsteht, aber in kürzester Zeit einsetzbar wird, ist unvergleichbar befriedigender als ein reines Pixelgebilde“, schreibt Chris Anderson, ein Vordenker der Maker-Bewegung. Auf Youtube lernt man, iPhone-Ständer zu bauen, Kameraschlitten und die eigene E- Gitarre. Niemand kann diese Dinge mit Axt und Laubsäge herstellen. Es sind Anleitungen, die so viel Perfektion verlangen, dass sie frühere Heimwerkergenerationen in den Wahnsinn getrieben hätten.

Zum Niedrigpreis zur eigenen Fräse: der Shapeoko-Bausatz.

Quelle: privat

Meine neue Fräse, die Shapeoko 3, ist ein computergesteuerter Hobel. Anders als 3-D-Drucker baut sie nicht Material Schicht für Schicht auf, sie fräst es weg. Der Fräskopf gräbt sich vor mir durchs Holz, Schicht für Schicht. Es ist, als könne man mit einem Besen plötzlich feine Aquarelle malen. Heraus fallen nahezu perfekte Produkte – wenn alles klappt.

Natürlich klappt alles erst einmal nicht. Feiner Holzstaub legt sich über den Schreibtisch. Es riecht nach frisch gesägtem Holz. Die Fräse erzeugt ein ständiges lautes Sirren, irgendwo zwischen Staubsauger und Zahnarzt. Und an dieses Monster ist der Laptop mit einem USB-Kabel gefesselt. Das Material ist wehrhaft, der Fräser aus Hartmetall heult noch einmal auf, bevor er bricht. Dann ist Stille.

Mit neuem Fräser kehrt der Lärm zurück. “Lärm?“, fragt Zach Kaplan, “Letzte Nacht wollte ich etwas um Mitternacht fräsen. Unser Baby ist davon nicht mal aufgewacht.“ Kaplan ist mit seiner Firma Inventables in Chicago heute Marktführer für Tisch-CNC-Fräsen. Erst mit Fräsen-Pionier Edward Ford gemeinsam, nun vermarkten sie ihre Fräsen getrennt. Zehntausende Fräsen haben die beiden Start-ups verkauft.

Potenzial für eine neue Revolution

Easel heißt Kaplans Software, die für den Durchbruch fast wichtiger ist als die Fräse selbst, sie läuft online und macht die Bedienung der Fräse so einfach wie das Malen eines Bildes mit dem Computerprogramm Paint. Sie zeigt am Bildschirm, wie der Gegenstand in verschiedenen Materialien aussieht und wie lange das Fräsen dauern würde – ob in Sperrholz, Walnuss oder Acrylglas. 1,4 Millionen Menschen haben Easel probiert, sagt Kaplan. Fräsen wird damit zum Verfestigen von Gedanken in Material. Ein Fräsenhersteller verspricht gar: “Bau so schnell, wie du denkst.“

“Für unsere Hersteller ist die präzise Arbeitsweise das Hauptargument für CNC-Fräsen: So lassen sich komplizierte Formen präzise herstellen“, sagt Ina Froehner vom Online-Handelsportal Dawanda, “und zwar immer wieder in gleicher Qualität.“ Die Fräsen machen jeden zum Hersteller. Das Fräsen rund um den Globus setzt auf den Austausch von Gemeinschaften.

Und so liegt auch etwas Antiautoritäres in der Maker-Bewegung. Sie lebt davon, dass sie Ideen immer neu denkt, sie gemeinsam auslotet, was anders gemacht werden könnte und wie etwas stetig zu verbessern ist. Die Hobbyhandwerker sind schneller als jedes Unternehmen – sie könnten in Zukunft fast alles produzieren, Radios, Waffen, Graffiti-Schablonen. Manche sehen in der Bewegung aus dem Hobbykeller sogar das Potenzial einer Revolution: vergleichbar mit der industriellen Revolution.

Von Jakob Vicari

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