Sind Sie ein Oberlehrer?
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Interview mit Jostein Gaarder Sind Sie ein Oberlehrer?

In “Sofies Welt“ erklärte er Laien die Philosophie, jetzt forscht Jostein Gaarder Wortwurzeln nach. Nina May erzählt er, was “Mond“ mit “Meter“ zu tun hat, dass er sich oft als Fremder im eigenen Körper fühlt und für seinen nächsten Roman keine Recherche betreiben will.

Der einstige Philosophielehrer debattiert auch in seinen Romanen die großen Fragen: Jostein Gaarder im Interview auf der Leipziger Buchmesse.

Quelle: imago/Manfred Segerer

Leipzig.  

In Ihrem neuen Roman beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Ursprung von Wörtern. Gaarder und Garten: Beide Wörter haben dieselbe Herkunft. Passt das, sind Sie ein Mann des Gartens?

Ich habe einen großen Garten, der ist wie ein kleiner Park. Wenn ich einen neuen Roman schreibe, gehe ich lange darin spazieren. Dieser Name steht mir also sehr gut an. Was mich fasziniert: Man kann dieses Wort 6000 Jahre zurückverfolgen. Man findet es im französischen “jardin“, im italienischen “giardino“, im englischen “garden“ oder “yard“. Es gibt diesen Begriff im Lateinischen, im Griechischen, im Persischen, selbst in Sanskrit. Denn all diese Wörter stammen von einem Volk, das vor Tausenden von Jahren lebte, den Indogermanen.

Was wissen wir über dieses Urvolk?

Wenig mit Sicherheit. Aus den überlieferten Begriffen lässt sich aber einiges über die damalige Kultur ableiten. Wörter wie Rad, Pferd, Wagen, Weg und Gewicht deuten zum Beispiel auf Landwirtschaft hin. Das ist wie Archäologie, nur mit Sprache. Aber mir geht es im Roman nicht speziell um die Indogermanen. Der Protagonist Jakop hat keine Familie, keine Wurzeln und keine Kinder. Also kompensiert er das und sucht Identität und Zugehörigkeit bei den geerbten Wörtern. Er hätte aber ebenso gut Briefmarken oder alte Platten aus seiner Kindheit sammeln können.

Haben Sie zu Wörtern ein ebenso emotionales Verhältnis wie Ihr Protagonist in “Ein treuer Freund“?

Es ist bei mir eher ein intellektuelles und wissenschaftliches als ein emotionales Verhältnis. In dieser Hinsicht bin ich anders als Jakop, mit dem ich ein Geburtsdatum teile. Mein Antiheld gleicht in vielerlei Hinsicht meinem Spiegelbild. Aber es handelt sich um einen Zerrspiegel, wie man ihn auf Jahrmärkten findet. In meinen Büchern finde ich mich als dünner Mensch wieder oder als dicker oder sogar in zwei Persönlichkeiten aufgespalten. Obwohl Jakop ein sehr sonderbarer Charakter ist und sehr einsam, hat er doch viel von mir.

Jakop geht sogar auf die Beerdigungen fremder Menschen und gibt vor, die Toten gekannt zu haben. Sie selbst haben eine Frau, Kinder und Enkelkinder. Woher kommt dieses Thema der Einsamkeit, das auch Ihren anderen Romanen innewohnt?

Ich habe viele Freunde und eine große Familie. Aber Einsamkeit hat etwas Universelles. Ein jeder von uns fühlt sich zum einen oder anderen Zeitpunkt allein, selbst in einer Ehe. Wir werden nackt geboren und von warmen Händen empfangen und der Mutter an die Brust gelegt. Aber eines Tages werden wir diese Welt verlassen und alle Menschen zurücklassen. Und vielleicht gibt es auf der anderen Seite keine warme Hand. Insofern stehen wir alle irgendwie allein zwischen Himmel und Erde da. Es hat etwas Metaphysisches, dieses Fremdsein in der Welt.

Schön fand ich Ihre Bemerkung im Roman, der Geist oder Außerirdische werde unterschätzt. Jeder rede über die Angst der Masse vor ihnen, doch was sei mit den Ängsten des armen Geists? In welchen Momenten fühlen Sie sich selbst wie solch ein Außenstehender?

Sehr oft erlebe ich so ein Gefühl der Entfremdung. Zum Beispiel, wenn ich morgens aufwache und denke: “Was, das ist mein Körper? Verrückt!“

Eine Bezugsperson hat Jakop aber, sie heißt Pelle. Im Laufe des Romans wird deutlich, dass es sich um eine Handpuppe handelt. Ist Pelle der treue Freund aus dem Titel?

Das ist eine gute Frage. Ja, klar, er ist der treue Freund. Aber der Titel hat eine Doppelbedeutung: Denn Jakop gibt bei den Beerdigungen ja auch vor, ein treuer Freund der Toten zu sein. Dabei erzählt er dann jeweils Geschichten darüber, wie sie sich angeblich kennengelernt haben. So ist der Roman voll von solchen kleinen unabhängigen Erzählungen, ein bisschen so wie in meinem Werk “Der Geschichtenerzähler“.

Ihre Romane kreisen meist um ein zentrales Thema, in “Sofies Welt“ war es die Philosophie, in “Noras Welt“ die Klimaerwärmung, nun die indogermanische Sprache. Welche Themen haben Sie noch in Planung?

Ich nehme mir eigentlich jedes Mal vor: Diesmal werde ich nicht wieder einen Roman schreiben, der auch noch Wissen vermitteln will. Aber ich schaffe es einfach nicht. Ich nehme es mir hier und jetzt wieder vor: Keine Recherche mehr, keine ablenkenden Bücher auf dem Schreibtisch!

Belehren Sie Ihre Leser zu sehr?

Ich kann meine Kritiker verstehen. Bei dem aktuellen Roman gelingt es mir, glaube ich, besonders gut, Thema und Geschichte miteinander zu verweben. Außerdem habe ich mit diesem Konzept Erfolg. Infotainment kommt immer gut an.

Dann teilen Sie Ihr Wissen doch mal: Haben Sie eine Lieblingsetymologie?

Da gibt es viele. Zum Beispiel finde ich es spannend, dass “Mond“ und “Meter“ denselben Ursprung haben. Denn der Mond war früher eine wichtige Maßeinheit. Auch das Wort Mahlzeit geht auf dieselbe indogermanische Wurzel zurück. Ich könnte Tausende Beispiele aufzählen, so wie ich sie auch in den Roman einstreue. Man findet etwa Ableitungen der indogermanischen Wurzel “weid“ – sehen – im gesamten indogermanischen Sprachraum, in der lateinischen “Vision“ etwa. Auch das “Wissen“ stammt von der Wurzel “weid“ ab, genauso wie “veda“ im Sanskrit oder “wisdom“ im Englischen oder “vite“ auf Norwegisch. Denn wenn man etwas gesehen hat, dann weiß man.

Sie haben viele deutsche Beispiele genannt, wie im Roman. Waren Sie an der Übersetzung aus dem Norwegischen beteiligt?

Wenn ich über Wörter schreibe, versuche ich immer, Beispiele aus verschiedenen Sprachen zu geben. Schließlich ist das Norwegische ein Zweig des indogermanischen Sprachbaums. Das Wort “Acker“ findet man in Englisch und Sanskrit. Die Übersetzerin Gabriele Haefs hat aber zusätzlich einige Beispiele für deutsche Wörter gefunden, die in Norwegen nicht geläufig sind.

Ihr Roman wird oft als Schelmenroman bezeichnet. Haben Sie selbst auch eine schelmische Ader?

Vielleicht, aber ich habe auch eine sehr ernsthafte Seite. Es wohnen also zwei Seelen in meiner Brust. Ich mag diesen Begriff “Schelmenroman“, im Norwegischen gibt es dafür keine Entsprechung.

Die Geschichte wird in Form von Briefen erzählt. Diese sind an eine Frau namens Agnes adressiert, die hinter Jakops Geheimnis mit den Beerdigungen kommt. Würden Sie Ihren Roman als Liebesgeschichte bezeichnen?

Ich sage erotische Tragödie dazu. Es ist tragisch, dass Agnes sich in Pelle verliebt und nicht in Jakop. Sie versteht nicht, dass Pelle ein Teil von ihm ist. Im Alltag schüchtern, ist er als Puppensprecher – also quasi auf der Bühne – ein Künstler.

In Ihrer Heimat Norwegen wird in diesem Jahr gewählt, wie auch in Deutschland und Frankreich. Spielt bei Ihnen das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte eine ähnliche Rolle im Wahlkampf?

Bei uns ist es insofern anders, als die rechte Fortschrittspartei bereits Teil der Koalition ist. Doch gerade weil sie an der Macht ist und in der Koalition Kompromisse eingehen muss, kann sich die Partei nicht solch extreme Positionen wie ihre Pendants in den EU-Ländern leisten.

Norwegen ist zwar nicht Teil der EU, pflegt aber eine enge Beziehung zur Gemeinschaft. Wie blicken Sie als Norweger auf den Brexit?

Ich bin sehr traurig. Ohne Großbritannien droht Europa zu zerfallen, und ich fürchte einen erhöhten Einfluss der USA und von Russland. Es gilt aber, die europäischen Werte zu verteidigen, die auch wir Norweger teilen. Ich würde mir deshalb in meinem Land ein Referendum der anderen Art wünschen: Ich denke, dass viele Norweger dafür abstimmen würden, Mitglied der EU zu werden.

Zur Person: Jostein Gaarder

Von Jostein Gaarder möchte man gern mal einen Brief erhalten. In seinem berühmtesten Roman schickte der norwegische Autor vor 25 Jahren einem 14-jährigen Mädchen namens Sofie Briefe mit Fragen über ihre Existenz und die Welt, in der sie lebt. So beginnt sie ihren Platz im Universum infrage zu stellen. “Sofies Welt“ wurde in mehr als 59 Sprachen übersetzt, weltweit mehr als 40 Millionen Mal verkauft und verfilmt.

Jetzt hat Gaarder wieder einen Briefroman geschrieben. Der Literaturwissenschaftler und Lehrer Jakop Jacobsen adressiert seine Geschichten in “Ein treuer Freund“ an eine Frau namens Agnes, von deren Verhältnis zum Erzähler der Leser erst nach und nach erfährt. Jacobsen hat ein geheimes Laster: Der Einsame schleicht sich bei Beerdigungen fremder Menschen ein, um in der Trauergemeinschaft für einen Moment Zugehörigkeit zu empfinden.

Aber Jakobsen adoptiert noch eine andere Ersatzfamilie: die Sprache. “Ich habe keine lebenden Kinder oder Enkelkinder und keine lebenden Geschwister oder Eltern, aber ich habe lebende Wörter in meinem Mund, und ich kann deutlich sehen, dass es von Verwandten dieser Wörter von Island bis Sri Lanka überall im indogermanischen Sprachraum nur so wimmelt“, heißt es im Text. Der Roman ist voll von etymologischen Herleitungen alltäglicher Begriffe, die überraschende Verwandtschaftsbeziehungen enthüllen. “Gülden“, “Glut“ und “Glotzen“ zum Beispiel haben denselben Ursprung.

Der 1952 geborene Schriftsteller studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften und war lange Philosophielehrer. In seinem jüngsten Werk habe “der Philologe in ihm Auslauf erhalten“, hat er mal gesagt. Gaarder ist bekannt für seine Thesenromane, die bisweilen an Kinder und Jugendliche adressiert sind, aber auch viele erwachsene Leser finden. Nach seiner kleinen Philosophiegeschichte in “Sofies Welt“ folgten die Todesangst der Spätantike (“Das Leben ist kurz“), die Entwicklung des Lebens auf der Erde (“Maya“), Tod und Liebe (“Das Orangenmädchen“) und der Widerstreit einer rationalen und einer esoterischen Weltanschauung (“Die Frau mit dem roten Tuch“).

Der Roman “Noras Welt. 2084“ (2013) ist quasi eine Fortsetzung von “Sofies Welt“. In der Zukunftsvision 100 Jahre nach George Orwells Dystopie hat die Klimakatastrophe den Planeten an den Rand des Kollapses gebracht: Im Norden grasen Kamele, zahlreiche Arten sind ausgestorben. Die 16-jährige Nora, die im Heute lebt, muss in ihren Träumen der Urenkelin erklären, weshalb sie nicht mehr gegen die Erderwärmung getan hat, ehe es zu spät war. Bei diesem Roman wird am deutlichsten, was die “Süddeutsche Zeitung“ einmal als Gaarders “Kognitionskitsch“ bezeichnete. Einige Werke des Schriftstellers wirken bisweilen wie ein Schaubild in der Schule. Bei „Ein treuer Freund“ hingegen gelingt die Verquickung von Geschichte und These.

Im persönlichen Gespräch bei der Leipziger Buchmesse wirkt Jostein Gaarder anders als seine literarischen Helden extrovertiert, ein wenig hektisch und durchaus selbstbewusst, was seine Wirkung als Autor anbelangt. Er verwendet große Gesten und erheitert das Publikum mit deutschen Einsprengseln – und wählt jeden Begriff mit großem Bedacht. Durch und durch ein Mann der Wörter.

Jostein Gaarder: “Ein treuer Freund“. Verlag Carl Hanser. 272 Seiten, 22 Euro.

Von Nina May

Leipzig 51.3396955 12.3730747
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