Im Schatten der Schönheit
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Fotografische Mutter-Tochter-Beziehung Im Schatten der Schönheit

Die US-Fotografin Sage Sohier porträtiert ein glamouröses, ehemaliges Fotomodel: Es ist ihre eigene Mutter Wendy.

Ex-Model Wendy Burden wahrt Haltung – und beweist, wie wenig Schönheit manchmal mit Alter zu tun hat.

Quelle: Sage Sohier

Berlin. Es ist ein Ritual ihrer Kindheit. Ein Ritual, das eigentlich alles über das Verhältnis der renommierten US-Fotografin Sage Sohier zu ihrer Mutter Wendy sagt, einem ehemaligen Fotomodel aus den Vierzigerjahren. Im Nachwort zu ihrem jetzt erschienenen Fotoband “Witness of Beauty“, erzählt Sohier davon, wie sie als Kind im Badezimmer ihrer Mutter sitzt und dieser dabei zuschaut, wie sie ihr allabendliches Schönheitsbad nimmt. Die kleine Sage ist komplett angezogen, trägt trotz fortgeschrittener Uhrzeit immer noch ihre blaue Schuluniform. Die Mutter hingegen, die sich genüsslich im Wasser räkelt, ist mit nichts angetan als einer rosa Duschhaube und einem rosa Handtuch, das ihre Brüste überdeckt. Dennoch wirkt sie, so die Tochter, schön wie eine Königin.

Das ist die fast 80-jährige Wendy viele Jahrzehnte später auf dem Titelfoto der eindrucksvollen Fotoreportage ihrer Tochter immer noch. Sage Sohier inszeniert hier das Baderitual von Mutter und Tochter aus Kindheitstagen neu. Man sieht, wie sich in einer Art Spiegelkabinett das Bild der Mutter, einer scheinbar alterslos schönen, genüsslich badenden Frau, immer weiter vervielfältigt.

Der Blick einer Tochter auf ihre Mutter:

Quelle: Sage Sohier

Nach wie vor ist es die Tochter, die einen Blick auf die Mutter wirft. Es ist mittlerweile allerdings der professionelle Blick der Erwachsenen, der Fotografin. Ganz am Rand des Bildes ist sie selbst zu sehen. Sohier wirkt betont unscheinbar, wie sie in ihrem unvorteilhaft sitzenden Bademantel mit Kamera und Stativ hantiert. Mit ihrem ungeschminkten Gesicht, ihren von Grau durchzogenen Haaren sieht sie fast älter aus als die von Duschschaum umspülte Mutter.

Es gehört zu den Stärken dieses Bandes, dass Sohier die Tatsache, dass sie in Sachen Schönheit offenbar nie mit der Mutter konkurrieren konnte, nicht klagt, wie man es von Töchtern von Schauspielerinnen oder Fotomodels kennt. Sie inszeniert sich und die schöne Mutter (selbst-)ironisch, mit viel Witz und Sinn für Details.

Und nicht nur das: Sohiers Bilder zeigen am Beispiel der Mutter nicht nur, wie wenig Schönheit manchmal mit Alter zu tun hat. Am Beispiel der Töchter führen sie vor, wie man dem Diktat der Schönheit mit entwaffnender Sprödigkeit widerstehen kann. Da gibt es ein Foto, auf dem man Mutter Wendy, Tochter Sage und deren Schwester Laine im Badeanzug am Hewitt Lake, Minerva, New York State, sieht. Auch das ist eine Anspielung auf Kindheitstage. Das Foto bezieht sich auf einen Schnappschuss der neun und elf Jahre alten Töchter. Beide werden im Badeanzug von der Mutter gestellt, ziehen auf ihren Befehl hin sogar den Bauch ein und bieten, so Sage Sohier in ihrem Nachwort, damit ein Paradebeispiel fehlenden, kindlichen Selbstwertgefühls.

Tochter Sage Sohier (Mitte) mit Mutter (links) und Schwester beim Schminkexperiment.

Quelle: Sage Sohier

Als Fotografin inszeniert Sohier den Schnappschuss noch einmal neu: die immer noch schöne, mit Badeanzug bekleidete Mutter kann es selbst viele Jahrzehnte später nicht lassen, darauf Tochter Sages Frisur zu richten. Wie diese und Schwester Laine sich in hoffnungslos unmodischen Badeanzügen und unförmigen Badekappen jedoch jedem Versuch, hübsch zu wirken, schon im Ansatz verweigern, hat eine große Kraft.

Sohier gelingen viele Bilder, die eigene Geschichten über die Schönheit von Frauen erzählen: die innere und die äußere, die der Jugend und die des Alters. Die Bilder über die ungewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehung erzählen zudem eine moderne Variante der Geschichte vom hässlichen Entlein und dem schönen Schwan.

Neu ist: Der schöne Schwan bleibt immer der schöne Schwan, selbst im Alter. Und: Das hässliche Entlein bleibt immer das hässliche Entlein – geht aber dennoch unbekümmert seinen Weg. Es schert sich kaum um das eigene Aussehen, aber viel um das Aussehen anderer – und findet so seinen Platz in der Welt: als Fotograf.

Sage Sohier: “Witness of Beauty“. Kehrer Verlag, 108 Seiten, 96 Farbabbildungen, 39,90 Euro.

Von Jutta Rinas

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