Was sagt uns Luther heute?
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Reformationsjubiläum Was sagt uns Luther heute?

500 Jahre Reformation: Das Jubiläum wird begangen wie eine Geschichtsstunde. Dabei zielen die Lehren Martin Luthers auf einen permanenten Gestaltwandel von Glauben und Kirche. Deshalb müssen Christen den Mut haben, ihr Selbstverständnis ohne institutionelle Selbstgefälligkeit beständig im Hier und Heute neu zu justieren.

Geschichte fließt, Luther kann nicht beantworten, was Menschen heute fragen, meint Theologe Jörg Lauster. Ein Plädoyer für den liberalen Kulturprotestantismus.

Quelle: iStockphoto

München. Ein halbes Jahrtausend Reformation bietet willkommenen Anlass, über Herkunft und Zukunft des europäischen Christentums nachzudenken. In dem vielstimmigen Jubiläumschor ist vonseiten der evangelischen Kirche eine Stimme nur sehr leise zu hören, die einstmals zum Vornehmsten gehörte, was den Protestantismus auszeichnete: die des liberalen Kulturprotestantismus. Er sieht sich als Fortführung des Reformatorischen unter den Bedingungen der Moderne. Man ehrt in diesen Kreisen Luther und weiß, was man ihm zu verdanken hat.

Doch der Blick im Jubiläumsjahr kann nicht am Vergangenen haften bleiben. Wir können von einem Menschen des 16. Jahrhunderts nicht die Antwort auf Fragen erwarten, die uns heute bedrängen. Die breite Strömung des liberalen Protestantismus hatte das bereits im 19. Jahrhundert erkannt und seither proklamiert, dass die Reformation nicht einfach nur ein historisches Ereignis ist, sondern ein Prinzip, das im Christentum dauerhaft Kräfte freisetzt. Denn das Christentum ist immer mehr, als Menschen daraus machen können.

Der liberale Protestantismus ist darum ein groß und selbstständig gewordenes Kind der Reformation. Es gibt kein goldenes Zeitalter, in das zurückzukehren wir träumen sollten. “Make – was auch immer – great again“ ist eine Haltung, die nach hinten, nicht nach vorne blickt. Wenn es etwas von Luther zu lernen gibt, dann ist es die faszinierende Einsicht in die Kräfte, die in den Kirchen und im Christentum am Werke sind und die Kirche darum immerfort zu Veränderung im Laufe der Zeiten nötigen. Diese liberale Haltung steht für eine Religion, die ohne Heldenverehrung ihrer Vätergestalten, ohne eifernden Dogmatismus und ohne institutionelle Selbstgefälligkeit auskommt.

Tiefgang statt Lautstärke

Der liberale Kulturprotestantismus lebt unter Berufung auf die christliche Freiheit von einer Offenheit des Christentums gegenüber Welt und Kultur, er praktiziert ökumenische Aufgeschlossenheit und bestärkt Christinnen und Christen, in nachdenklicher und weiter Religiosität ihr Leben vor Gott und den Menschen zu führen. Man hat dieser Haltung viele Namen gegeben: liberale Theologie, Kulturprotestantismus und Neuprotestantismus. Sie alle treffen Aspekte und doch nie das Ganze. Wie immer man diesen anderen Blick nennt, eine Erinnerung verdient er allemal – in der religiösen Lage unserer Tage mehr denn je.

Dass Protestanten weltweit das Jubiläum feiern, versteht sich von selbst. Dennoch kann man kann aus liberaler Perspektive kaum mit allem einverstanden sein, was das Reformationsjubiläum zutage fördert. Der Aufwand der Feierlichkeiten ist immens, die Botschaft jedoch alles andere als klar: Viel Luther, aber was sagt uns das heute? Auf Nachdenklichkeit und Tiefgang, nicht auf Lautstärke zielt die liberale, kulturprotestantische Perspektive. Denn der andere Blick auf das halbe Jahrtausend Reformation ermuntert zur Besinnung auf das, was den Protestantismus auszeichnet: denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel.

Der Hallenser Theologe Ulrich Barth hat den Protestantismus einmal sehr schön und treffend als den Traum einer Religion für freie Geister bezeichnet. Die Kraft zu denkender Frömmigkeit und der Mut zum Gestaltwandel gründen in der religiösen Überzeugung, aus und von etwas zu leben, was größer ist als der Mensch und darum auch größer als Lehren, Moralvorstellungen, religiöse Bräuche und die Grenzen der Kirchen. Das ermöglicht Freiheit.

Kein Ereignis, sondern eine Haltung

500 Jahre Reformation bedeuten, dass es keinen Weg zurück gibt in ein vermeintlich goldenes Zeitalter. Die Geschichte fließt, Luther kann nicht beantworten, was Menschen heute fragen. Die 500 Jahre Reformation erinnern vielmehr daran, dass der Protestantismus sich einem Prozess und Prinzip verdankt, das nicht den Grenzen verfasster Kirche unterzuordnen ist. Die Reformation ist kein Ereignis, sie ist eine Haltung.

Protestantische Gesinnung engagiert sich mit Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt für die Zukunft ihrer institutionellen Herkunft, sie ist darin jedoch frei von der kleingläubigen Sorge, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die protestantische Haltung sieht in den anderen Kirchen Verwirklichungen des unerschöpflich Heiligen, von dem sie selbst auch lebt – aber anders.

Die liberale und kulturprotestantische Haltung schließlich ist offen für die vielfältigen Erscheinungsformen des Heiligen in der Kirche, in der Geschichte der Menschen, in der Kultur und in der Natur. Der Kulturprotestantismus zeigt sich in der unermüdlichen Tapferkeit der Weltgestaltung, die im Vertrauen auf eine der Welt eingelassene Güte dem Absurden in der Welterfahrung widersteht. Er ist getragen von der Gewissheit einer Tiefe unseres Daseins, die allem Banalen und Seichten widerspricht. In dieser Tapferkeit und in dieser Überzeugung ist der Protestantismus als ewiger Protest eine Religion für freie Geister – und davon gibt es viele.

Jörg Lauster ist Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Kultur- und Sinngeschichte des Christentums. Jüngst erschien seine Streitschrift “Der ewige Protest – Reformation als Prinzip“. Claudius; 144 Seiten, 12 Euro.

Von Jörg Lauster

München 48.1351253 11.5819806
München
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