Große Intensität der Gefühle
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GSO mit Gastdirigent Kevin Griffiths Große Intensität der Gefühle

Ein emotionsgeladenes Programm bot das Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) am Freitag in der Stadthalle. Der aus London stammende Gastdirigent Kevin Griffiths stellte Werke von Vincent d’Indy, Ahmed Adnan Saygun und Pjotr Tschaikowsky vor: zwei Raritäten und ein populäres Meisterwerk.

Pianistin Gülsin Onay, rechts Gastdirigent Kevin Griffiths

Quelle: Schäfer

Göttingen. Wohl den Raritäten war es geschuldet, dass nicht ganz so viele Zuhörer wie sonst zu einem GSO-Konzert gekommen waren. Doch Neugier auf Unbekanntes lohnte sich wieder einmal. Denn schon das Eröffnungsstück des Abends, die Ouvertüre zur Oper „Fervaal“ des Spätromantikers d’Indy, bezauberte mit ausgesprochen süffigen Klängen, mit samtenem Wohllaut, satten Harmonien, etwas zum Schwelgen und Genießen. Wunderbar weiche Klangteppiche breiteten die Musiker unter der auf klangliche Balance bedachten Leitung von Griffiths aus. Besonders schöne Wirkungen erzielten die Einwürfe der Solostreicher.

In denkbar scharfem Kontrast dazu folgte das erste Klavierkonzert des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun (1907-1991) mit der Pianistin Gülsin Onay, die zeitweise bei Saygun studiert hat und deshalb eine besonders authentische Interpretin dieses Konzerts ist. Saygun kannte sich sehr gut aus in der Musik seiner Zeitgenossen und mindestens ebenso gut im pianistisch Effektvollen.

Man mag die Ecksätze dieses Konzerts, die hier und da an Prokofjew, Bartók, auch an Rachmaninow erinnern, etwas aufgedonnert nennen dürfen – doch wenn die Musik mit einer derartigen Kraft und Zielsicherheit dargeboten wird, wie es die Solistin tat, vermag sie sehr wohl mitzureißen. Außerdem hat Saygun den Mittelsatz als sanftes Gegengewicht gestaltet. Solistin und Orchester bezauberten hier mit Zartheit und großem Farbenreichtum. Schön zu beobachten, mit welcher Sorgfalt Griffiths den Feinheiten der Solistin in Dynamik und Tempogestaltung folgte: Das war alles aus einem Guss. Für den lang anhaltenden Applaus bedankte sich Onay mit einer klangzauberisch zärtlichen Zugabe: dem Nocturne fis-Moll op. 48 Nr. 2 von Frédéric Chopin.

Seine hohen dirigentischen Qualitäten konnte Griffiths dann in Tschaikowskys letzter Symphonie, der „Pathétique“, eindrucksvoll unter Beweis stellen. Er formte diese Musik des Leidens, in der auch immer wieder Erinnerungen an Glücksmomente aufleuchten, mit weiten Spannungsbögen  und mit großer Intensität der Gefühle. Zudem sorgte er dafür, dass der Klang trotz der strahlend-massiven Blechbläser-Episoden – dafür gab es am Ende des dritten Satzes spontanen Zwischenbeifall – doch stets transparent blieb. Die Begeisterung des Publikums entlud sich in lang anhaltenden Klatsch-Stürmen. Und auch die GSO-Musiker spendeten ihrem Pultgast herzlichen Applaus.

Nächster GSO-Termin: Haydns Oper „Orfeo ed Euridice“ mit Simone Kermes am Sonnabend, 27. Mai, um 19.45 Uhr und Sonntag, 28. Mai, um 18 Uhr in der Stadthalle, Albaniplatz 2.

Von Michael Schäfer

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