Das Gehirn vernetzt sich von allein
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Göttinger Neurowissenschaftler Das Gehirn vernetzt sich von allein

Nach Lehrmeinung müssen Nervenzellen im Gehirn miteinander kommunizieren, um Netzwerke zu etablieren. Göttinger Neurowissenschaftler vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin haben nachgewiesen, dass sich Nervenzellen auch ohne aktive Signalübertragung verknüpfen können.

Nervenzelle im Hirnbereich Hippokampus der Maus.

Quelle: r

Göttingen. Das menschliche Gehirn verarbeitet Informationen in einem gigantischen Netzwerk von 100 Milliarden Nervenzellen, die über 100 Billionen Kontaktstellen, sogenannte Synapsen, miteinander verbunden sind. An diesen Synapsen führen elektrische Impulse einer sendenden Nervenzelle zur Freisetzung von chemischen Botenstoffen, die von nachgeschalteten Nervenzellen empfangen und wieder in elektrische Signale umgewandelt werden. Auf diesem Prinzip der chemischen Signalübertragung basiert die Kommunikation aller Nervenzellen, die in Form von Netzwerken für die Steuerung aller Körperfunktionen verantwortlich sind.

Der wichtigste Botenstoff im Gehirn, Glutamat, wird an sogenannten „spine“-Synapsen übertragen, deren empfangender Teil aus kurzen Ausstülpungen von Nervenzellfortsätzen besteht, den „spines“ oder dendritischen Dornen. Diese Dornen sind winzige zelluläre Schalteinheiten, die sowohl für die normale Signalübertragung als auch für komplexe Hirnfunktionen wie etwa Lernprozesse von fundamentaler Bedeutung sind. Und ein seit Jahrzehnten geltendes Dogma der Hirnforschung besagt, dass die Ausbildung von Dornen-Synapsen von einer aktiven Glutamat-Freisetzung durch sendende Nervenzellen abhängig ist.

Die Wissenschaftler Albrecht Sigler und Cordelia Imig, die bei Jeong Seop Rhee und Nils Brose am Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin forschen, haben dieses Dogma nun zusammen mit Kollegen des Max Planck Florida Institute for Neuroscience in den USA widerlegt. Mithilfe genetisch veränderter Mäuse, in denen die synaptische Botenstoff-Ausschüttung komplett lahmgelegt ist, konnten sie nachweisen, dass eine normale Entwicklung von Dornen-Synapsen auch ganz ohne Glutamat-Freisetzung erfolgen kann.

„Als wir die Daten zum ersten Mal bei einer Konferenz vorgestellt haben, wollten uns die Kollegen zunächst nicht glauben“, berichtet Imig. Aber die Datenlage ist eindeutig. Albrecht Sigler ergänzt: „Nervenzellen im Hippokampus, einer für Lernprozesse essentiellen Hirnregion, bilden Dornen-Synapsen in normaler Zahl und mit einer normalen Verteilung entlang ihrer Fortsätze, auch wenn es keine Botenstoffausschüttung gibt.“

Es gibt offenbar ein zelluläres Programm im Hippokampus, das die Vernetzung von Nervenzellen in dieser Hirnregion steuert und bei dem synaptische Botenstoff-Signale keine Rolle spielen. Erst das so entstehende Netzwerk bildet dann die Basis für durch Hirnaktivität ausgelöste Veränderungen der Synapsen-Verschaltung. „Aber während der initialen Netzwerk-Entwicklung scheint synaptische Aktivität keine Rolle zu spielen“, erklärt Siegler. „Die aus vielen Studien gefolgerte Aktivitätsabhängigkeit der Dornen-Entwicklung wurde schlichtweg überschätzt.“ r

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