Tierschutz oder organisierte Kriminalität?
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Diskussion über Stalleinbrüche Tierschutz oder organisierte Kriminalität?

Wo endet bei Stalleinbrüchen und dem Anfertigen von Undercover-Videos der legitime Tierschutz? Wo beginnt die organisierte Krimimalität? Darüber haben am Freitag in der Universität Göttingen Wissenschaftler, Bauern und Tierrechtler kontrovers diskutiert.

Milchviehbetrieb: Kühe in einem Stall in Sachsen.

Quelle: dpa

Göttingen. 250 Menschen drängten sich im stickig-heißen Hörsaal 102 im Zentralen Hörsaalgebäude. Doch das tat der Aufmerksamkeit bei der Veranstaltung, die die Fachschaft Agrarwissenschaften gemeinsam mit dem Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte organisierte, keinen Abbruch.

Verstörende Bilder von kranken und toten Tieren in Ställen zeigte der promovierte Agrarwissenschaftler Edmund Haferbeck von der Tierrechtsorganisation Peta Deutschland. Da gab es Gefügel zu sehen, das ständig umkippte, weil die Brustpartie zu schwer geworden war. Aufnahmen dokumentierten Gewalt gegen Tiere beim Verladen sowie die Schlachtung schlecht betäubter Rinder und Schweine. Nur durch die Hinweise von Whistleblowern sowie durch Stalleinbrüche seien die Aufnahmen entstanden, betonte Haferbeck.

Die deutsche Gesetzgebung habe in den vergangenen Jahren mit dem Wandel der moralischen Einstellungen nicht Schritt gehalten, sagte Agrarrechtsprofessor José Martínez. Defizite gebe es zudem bei der Durchsetzung der bestehenden Regeln. Das rechtfertige es aber nicht, dass Bürger das Gesetz nun in die eigenen Hände nehmen, betonte der Jurist. Tierfreunde sollten stattdessen Druck auf die Politik ausüben, Gesetze zu verschärfen und besser durchzusetzen.

Hausfriedensbruch und Sachbeschädigungen beim Eindringen in Ställe, so Martínez, blieben nur dann straffrei, wenn die Täter über konkrete Hinweise auf erhebliche Verstöße gegen den Tierschutz verfügten, die Behörden zuvor nicht eingriffen und die illegal gemachten Aufnahmen anschließend sofort zur Abwendung der Gesetzesverletzungen genutzt würden.

„Ziviler Ungehorsam“, ergänzte Doktorand Marco Fatfat, könne immer nur letztes Mittel sein. Anderenfalls schwäche er die Institutionen des Rechtsstaates und führe eventuell dazu, dass auch die andere Seite Zuflucht zu illegalen Methoden suche.

Das Eindringen von Fremden in die Ställe sei für betroffene Landwirte ähnlich „traumatisierend“ wie ein Wohnungseinbruch, erklärte der münsterländische Schweinemäster Philipp Schulze Esking. Seit sein Betrieb Opfer eines solchen Übergriffs geworden sei, wage sich seine Frau nachts nicht mehr nach draußen. Die bei ihm seinerzeit gewonnenen Bilder dokumentierten keine Rechtsverstöße. Trotzdem kursierten solche rufschädigenden Behauptungen zusammen mit den Bildern bis heute im Internet, klagte der Vizepräsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft.

Auf den Unterschied zwischen Tierschützern, die die Lebensbedingungen von Nutztieren verbessern wollten, und Tierrechtlern, die die Tierhaltung grundsätzlich in Frage stellten, machte Prof. Achim Spiller aufmerksam. Der Agrarwissenschaftler forderte Bauern auf, das Gespräch mit solchen Gruppen zu suchen. Zwar ernährten sich nur vier Prozent der Deutschen vegetarisch, trotzdem genießen solche Gruppen in der Bevölkerung Glaubwürdigkeit, so Spiller. Drei Viertel der Bürger hielten Stalleinbrüche und Undercover-Videos für rechtmäßig, habe eine Befragung von 280 Personen ergeben, erklärte Spillers Doktorandin Maureen Schulze.

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